Die farblose Stadt

von Alexandra Facchi

Kein einziges Geräusch, nur das Rauschen des Flusses. Wie ein dunkler Schatten husche ich leise durch die Straßen und Häuserschluchten, vorbei an den grünen Parkanlagen, den farbigen Vorgärten und dem Kanal mit dem trüben, kalten Wasser. Von Haus zu Haus, von Blume zu Blume, von bunt… zu grau.

„Wer heute, Montag, dem 8. Juni, durch Almeres Viertel ‚Alter Hof‘ läuft, wird etwas Merkwürdiges sehen. Über Nacht sind dort alle Farben verschwunden. Wir sind sehr betroffen, denn der ‚Alte Hof‘ war eines der buntes…“, berichtete der Radiosprecher gerade mit ernster Stimme. Erschrocken sah ich meinen 20 Jahre alten Bruder Felix an. „Wieso schaust du denn so eigenartig?“, brachte ich stockend hervor. Schlagartig verfinsterte sich sein Gesicht und seine kalten, eisblauen Augen starrten mich an. „Was geht dich das an, Pia?“, fragte er mich noch mürrisch, dann drehte er sich um und rannte in sein Zimmer. Mir wurde heiß und kalt, und ich wusste nicht so recht, was ich machen sollte. „Irgendetwas stimmt hier aber so ganz und gar nicht!“, dachte ich mit einem mulmigen Gefühl im Magen und beschloss Felix‘ merkwürdigem Verhalten nachzugehen.

Als ich mitten in der Nacht von einem lauten Rumpeln über mir aufwachte, hatte ich unglaubliche Angst, denn Felix und ich waren ganz alleine, da unsere Eltern sich einen Urlaub auf Hawaii gönnten. Nur Oma Luise sollte ab und zu vorbeischauen, um zu sehen, ob es uns gut ginge. Aber die war jetzt nicht da. Außerdem war mein Zimmer direkt unter dem Dach, und der Dachboden wurde schon seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt. „Einbrecher!“, dachte ich sofort, da ich am vorherigen Tag einen Artikel in der Zeitung gelesen hatte, in dem es um Verbrecher, darunter eine Bande, die nachts um zwei Uhr in Häuser einbrach, um wertvolle Dinge zu stehlen, ging. Ein Blick auf die Uhr jedoch sagte mir, dass es sich nicht um die „Zwei-Uhr-Ganoven“ handeln konnte, da es bereits spät nach halb drei war.

Schnell krabbelte ich aus meinem Bett und schlich leise den dunklen Flur entlang zu Felix‘ Zimmer. Lautlos öffnete ich die Tür, an der ein großes, gelbes Schild mit der schwarzen Aufschrift „Betreten verboten! Jeder haftet für sich!“ prangte. Da stand ich nun in seinem Zimmer und starrte auf das leere Bett, vor dem eine ausgeklappte Leiter hinauf auf den Dachboden führte. Da hörte ich von dort ein Knarren und versteckte mich blitzschnell im Schatten seines Schrankes. Kurz darauf kam Felix mit etwas Großem, das aussah wie ein Staubsauger, auf dem Rücken wieder die Leiter hinunter. Gebannt verfolgte ich ihn mit meinen Blicken. Felix war ganz in schwarz gekleidet. „Hallo!“, flüsterte er plötzlich und ich dachte, dass er mit mir sprach, denn er sah in meine Richtung. Starr blieb ich in meinem Versteck stehen und drückte mich eng an die Wand. „Ja, klar! Ich werde noch schauen, ob Pia auch wirklich schläft. Ja. Bis gleich!“, sprach er noch in sein Telefon, bevor er seinen Anrufer wegdrückte. Ich atmete erleichtert aus. Er hatte mich nicht entdeckt. Doch im gleichen Moment fiel die Tür hinter meinem Bruder zu und ich bekam Panik. „Jetzt will er nach mir schauen“, dachte ich besorgt, denn ich lag nicht in meinem Bett, wo er mich gleich suchen würde. Meine Gedanken fuhren Achterbahn und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Doch irgendetwas musste ich doch tun, also taumelte ich aus Felix Zimmer und schlug die Badezimmertür zu. Von dem lauten Knall zuckte ich erschrocken zusammen und Felix schoss, wie von der Tarantel gestochen, aus meinem Zimmer. „Wo warst du?“, fragte er. Ich stammelte gespielt schlaftrunken: „Ich war nur kurz auf dem Klo. Wieso fragst du und wieso bist du angezogen? Und wieso warst du in meinem Zimmer?“ „Ach, ich wollte noch mit ein paar meiner Jungs rausgehen und dir durch einen Zettel, falls du aufwachst, Bescheid geben, dass ich nicht da bin. Jetzt geh ins Bett, ich bin in einer Stunde wieder da“, beantwortete Felix lässig meine Frage. Artig ging ich in mein Bett und wartete, bis mein großer Bruder die Tür leise schloss, um dann zu meinem großen Schrank zu huschen und mir eilig ein dunkelblaues T-Shirt und eine schwarze Jeans anzuziehen. Nachdem ich mir meinen schwarzen Mantel übergeworfen und meine ebenso schwarzen Boots blitzschnell angezogen hatte, polterte ich, lauter als ein Elefant, die Treppe hinunter zur Haustür, was mich dazu brachte, zügig aber diesmal lautlos weiterzugehen, da Felix sich noch in der Nähe befinden könnte. Und ich wollte doch nicht, dass Felix mich sieht. Deswegen versuchte ich mich sozusagen unsichtbar zu machen und versteckte mich hinter jedem Baum, Busch oder Sicherungskasten.

Felix sah sich ein paar Mal um. Langsam machte ich mir große Sorgen um ihn. In was war mein großer Bruder nur hineingeraten? Ich verfolgte ihn entlang der großen Autobahn, vorbei an den zwei Fußballfeldern, durch eine wunderschöne Pappelallee bis wir an einem Studentenwohnheim, das schräg gegenüber der Uni lag, ankamen. Die unheimlichen Schatten der hohen Straßenlaternen boten gute Verstecke für mich. Felix ging langsam auf die Uni zu und schaute an deren Fassade hinauf, stets bedacht, nie von einer Laterne beleuchtet zu werden. Dann nahm er seinen Rucksack, ich glaube, dass es ein Rucksack oder Ähnliches war, von seinem Rücken und begann darin zu kramen.  Als er das Gesuchte fand, stellte er die vier kleinen Sprühdosen nebeneinander vor seine Füße. „Los, geh weiter an ihn ran. Du siehst doch von hier fast nichts“, versuchte ich mich zu ermutigen und nach ein paar Sekunden konnte ich mich tatsächlich überwinden und ich bezog etwa fünf Meter von meinem Bruder entfernt hinter einem Müllcontainer Stellung. Auf einmal kamen zwei Jungen auf Felix zu und gaben ihm einen freundschaftlichen Händedruck. „So, jetzt geht’s los, Jungs“, sagte der größte Junge. „Ich weiß nicht, wie du auf so eine geniale Idee kommen konntest, Patrick“, lachte Felix laut auf und sie begannen, die Uni mit einer durchsichtigen Flüssigkeit anzusprühen. „So, und jetzt kommt dein Tei…“, wollte Patrick schon zu dem kleineren, dickeren Jungen sagen, aber da musste ich so laut niesen, da mir irgendetwas in die Nase geflogen ist, dass alle Jungen sich umdrehten. Schnell kauerte ich mich ganz klein zusammen und versuche meine Angst zu zähmen. „Habt ihr das gehört?“, fragte Karl, so heißt er glaube ich, leise und drehte sich langsam zusammen mit Patrick und Felix um. „Hallo?“, rief Felix laut, doch ich gab keinen Mucks mehr von mir. Ich kniff meine Augen so fest zusammen, dass ich bunte Punkte vor ihnen tanzen sah. „Dreh dich um und renne weg“, schrie irgendeine Stimme in mir. Ich befolgte ihren Rat, drehte mich um und lief los, schneller und schneller. Ich drehte mich nicht um, bis ich endlich vor unserem Haus stand. Ich schloss die große Eingangstür auf und schlüpfte aus meinen Kleidungsstücken heraus. Als ich mich mit meiner Wärmflasche ins Bett kuschelte, war ich so müde, dass ich sofort einschlief.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und ging in Felix‘ Zimmer. Er saß an seinem Schreibtisch und sah mich verwirrt an. „Was ist los?“, fragte ich leise. Er zögerte, aber dann fing er an, mir seine Geschichte zu erzählen: „Ich bin der Farbendieb. Ich habe das aber alles nicht gewollt! Das musst du mir glauben! Patrick und Karl haben mich belogen!“ Ich machte große Augen. „Erzähl weiter!“, forderte ich Felix auf. Er fuhr fort: „Patrick und Karl haben mich ausgenutzt. Sie wussten, dass ich keine Farben sehen kann und wollten ein wissenschaftliches Experiment durchführen…“ Mein Bruder erzählte mir, dass seine falschen Freunde das Projekt angeblich für eine gute Note machen wollten, doch eigentlich wollten sie eine farblose Stadt erschaffen. Mein Bruder dachte, dass sie mit den Spraydosen die ganze Stadt für eine Woche sehr farbig machen könnten. Er konnte keine Farben sehen, also vertraute er Patrick und Karl voll und ganz. Doch die wollten ihn nur verspotten und nutzten ihn als ahnungslosen Komplizen aus. Als sich dann gestern Abend Karl, der kleine, rundlichere Junge, in der Aufregung verplapperte, kamen Felix Zweifel und er erkannte den Betrug.

„Dann lass uns zur Polizei gehen“, schlug ich ihm vor und wir machten uns auf den Weg zum Revier. Als Strafe mussten Patrick und Karl die ganze Stadt mit dem Gegenmittel ansprühen und die ganze Uni renovieren. Unsere Eltern waren nach ihrer Rückkehr ziemlich verwundert und wollten jede kleine Information aus uns herausquetschen, aber wir hatten uns ein Geschwisterehrenwort gegeben und hielten den Mund!

Mittlerweile redet man gar nicht mehr darüber, und jeder lebt sein wunderschönes Leben, wie es jeder zu leben haben sollte.

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