Im dunklen Wald

von Moritz G. (14 Jahre)

 Der rote Schein der Flammen spiegelte sich in den Gesichtern der anderen. Das Knacksen und Knistern versetzte uns alle in eine behagliche und geborgene Stimmung; meine ganze Familie und ich waren um die Feuerschale zusammengekommen. Leider sah ich meinen Onkel, meine Tanten und Großeltern viel zu selten so zusammen. Doch jetzt hatten wir uns alle auf einer kleinen Insel in Dänemark eingefunden. Die Wärme der Flammen hielt uns warm, aber schon bald würde nur noch eine Glut in der Feuerschale zu finden sein. „Hey, ich hole nochmal kurz Holz?“, rief ich in die Runde. Keine Antwort. Alle waren zu sehr in ihre Gespräche vertieft. Nun gut. Ich hatte bei meiner Ankunft heute morgen eine kleine, hölzerne Hütte gesehen. Gut möglich, dass dort Feuerholz gestapelt war. Allerdings war es heute früh noch hell gewesen und nun – naja – war es pechschwarze Nacht. Egal. Ich wusste ungefähr, dass die Hütte irgendwo rechts hinter unserem Grundstück sein musste.  Ich schnappte mir noch meine Airpods und schaltet meine Playlist an.

 Beschwingt glitt ich über Wurzeln und Steine, hier gab es keinen Weg, nur Gestrüpp und Äste. Ganz von der Musik eingelullt, vergaß ich die Kälte und auch mein eigentliches Ziel. Erst das Stolpern über einen Baumstumpf riss mich aus meinen Gedanken und zurück ins Hier und Jetzt. Ich strauchelte und versuchte verzweifelt an einem Strauch halt zu finden. Zu Spät. Schon rutschte ich einen Abhang hinunter, bis ich schließlich im feuchten Gras landete. Vorsichtig rappelte ich mich wieder auf und begann den Dreck von meinen Knien und Händen abzureiben. Ich ließ meinen Blick langsam über die Umgebung schweifen. Jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun. Niemand war weit und breit zu sehen. Nicht einmal den Lichtschein der Feuerschale sah ich mehr. Ich war allein. Ich schloss meine Augenlieder, um besser über meine nächsten Schritte nachdenken zu können. Zwei Sekunden später riss ich sie sofort wieder auf, panisch geweitet, die Pupillen riesig. Ein Knacksen hatte durch den Wald gehallt! Langsam beruhigte sich meine Schnappatmung. Vielleicht hatte ich mir doch bloß alles eingebildet. Oder war ich selbst auf einen Ast gestiegen? KNACKS! Oh nein! Dieses Mal war es keine Einbildung. Ich musste hier weg. Ich rannte in die Richtung los, in der ich unser Haus vermutete. Mit Tränen im Gesicht und endlos verzweifelt, wollte ich nur noch wieder zurück. Wieder ein Knacksen. „Nein, nein, neein!“ Mir war das zu viel. Mein Körper begann zu zittern und nun verschwamm auch meine Sicht. Mit einem weitern, verzweifelten Aufschrei fiel ich erneut zu Boden. Über irgendetwas Großes war ich gestolpert. Unfähig wieder aufzustehen, lag ich schluchzend und zitternd auf der feuchten Erde. Tief einatmen und wieder ausatmen. Nein, es klappte einfach nicht. Ich war anscheinend verloren. Mein Handy war mir bei der panischen Flucht durch den Wald abhandengekommen. Ich war ein Häufchen Elend, physisch und psychisch am Ende. Kleine Schluchzer ließen vereinzelt meinen Körper erzittern. Nachdem die Adrenalinschübe verebbt waren, drang die Kälte mir mit aller Macht in meine Glieder. Ich zitterte wie ein Blatt im Sturm. Tief ein- und wieder ausatmen. Dieses Mal klappte es. Ich beruhigte mich und stapfte mit den Füßen fest auf dem Boden auf. Der Nebel war dichter geworden, doch ich erkannte, dass neben mir glatte, hohe Steine aus der Erde ragten. Über einen von ihnen war ich gestolpert. Ich strich mit meinen Fingerkuppen über ihn und bemerkte einige Einkerbungen. Konzentriert starrte ich darauf und konnte ein Datum entziffern, dass in den Stein eingeritzt war. Ich befand mich inmitten eines Friedhofs. Ein bestialischer Schrei, voller Panik und furchtbarer Angst, entwich meiner Kehle. Keine Ahnung woher ich die Kraft nahm wieder zu rennen, aber begleitet von einem irrem Lachen sprintete ich weiter durch den Wald, fort von diesem verfluchten Platz. „Hahaha!“ Es war mein Lachen, das so grauenvoll durch den Wald hallte, ausgelöst durch meine Verzweiflung. Auf einmal sah ich einen abgesägten Baumstumpf neben einem Erdhaufen stehen und nun wusste ich endlich, wo ich war.  Mit Dreck beschmiert und immer noch seltsam lachend, kam ich an der Feuerschale an. Ich sah meine Familie von ihren Stühlen aufspringen, bevor ich völlig erschöpft zusammenbrach.

 

Der hier veröffentlichte Originaltext von Moritz „Im dunklen Wald“ erscheint in einfacherer Sprache auch in der Printausgabe vom November 2021 auf der Kinder- und Jugendseite (Seite 9) von ArrivalNews  sowie online auf https://www.arrivalnews.de